Alternative Fakten

Unwort des Jahres 2017. Vor einem Jahr gab es nach der Vereidigung von Donald Trump einen Disput über die Zuschauerzahlen in Washington. Sein damaliger Pressesprecher Sean Spicer hatte widerlegbar falsche Angaben zu den Zuschauerzahlen bei der Trump-Vereidigung gemacht, die von Trump-Beraterin Kellyanne Conway auf Nachfrage in einer NBC-News-Sendung als alternative facts verteidigt wurden.

Spontan freut sie sich über ihre Wortschöpfung, denn es geht sehr wohl darum, dass Donald Trump vor einer größeren Menge an Zuschauern als Präsident vereidigt wurde als Barack Obama. Es geht um die Macht des Wortes, wenn Trump verkünden lässt, seine Vereidigung sei größer als die von Vorgänger Obama – auch wenn es objektiv und quantitiv nicht stimmt – qualitativ aber von Trump angestrebt wird, der biggest dick in town zu sein.

Jetzt wurden Alternative Fakten das Unwort des Jahres. Ein Wort, das keines sein darf. Ein Begriff als Nicht-Wort aus zwei Worten. Dabei erzählen die Unworte der vergangenen Jahre ihre eigene deutsche Geschichte vom Hass in der Gesellschaft.

1991: Ausländerfrei als fremdenfeindliche Parole in Hoyerswerda
1992: Ethnische Säuberung im ehemaligen Jugoslawien – als ob man ein „reines Volk“ herstellen könnte
1993: Überfremdung als Argument gegen Zuzug von Ausländern

2000: National befreite Zonen
2001: Gotteskrieger als Bezeichnung der Taliban-Terroristen
[2002:] Ausreisezentrum als Sammellager für abgewiesene Asylbewerber
2003: Tätervolk als antisemitischer Vorwurf gegen Juden in Israel
[2004:] Begrüßungszentren als Auffanglager für afrikanische Flüchtlinge
[2005:] Bombenholocaust in der Zerstörung von Dresden soll den eigentlichen Holocaust relativieren
2006: Freiwillige Ausreise … bevor man nachhelfen muss …

[2009:] Flüchtlingsbekämpfung, von Angela Merkel zur Abwehr von Flüchtlingen gebraucht
[2010:] Integrationsverweigerer von Thomas de Maizière (Bundesinnenminister) als Unterstellung gegenüber Migranten ausgesprochen
[2011:] Gutmensch [1] zur Diffamierung Andersdenkender
2011: Döner-Morde der neonazistischen Terrorgruppe NSU
[2012:] Pleite-Griechen werden zum südländischen Sündenbock
2013: Sozialtourismus. Zuwanderung in „unser“ überlegenes Sozialsystem
2014: Lügenpresse. Pauschale Diffamierung von Medien mit dem nationalsozialistisch vorbelasteten Begriff
2015: Gutmensch [2]. Hilfsbereitschaft und Toleranz werden mit diesem Wort diffamiert.
2016: Volksverräter. Politiker verraten völkisch-deutsche Interessen.
[2017:] Shuttle-Service. Stephan Mayer (CSU) bezeichnete Seenotrettungseinsätzen von NGOs im Mittelmehr als Dienstleistung, die Flüchtlinge erst zur lebensgefährlichen Flucht über das Mittelmeer ermuntere.

Ausgrenzung findet zunächst sprachlich statt. Dann tatsächlich. Aber stets wird über die Bedeutungshohheit gestritten. Lüge und Verrat und Rassismus, der mal offen befreit mal verdeckt als Integration oder Tourismus ein anderes Wort als Zubringer-Shuttle benutzt. Insofern treffen die alternativen Fakten für Deutschland auf enthemmte Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch, die sich vom Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) nicht werden einfangen lassen. Dafür sind sie zu massiv. Zeitlich durchgängig seit zehn Jahren – auch von Politikern in Amt und Würden wie de Maizière und Angela Merkel.

Sprachliche Gewalt lädt Gewalt ein. Alternative Fakten sind nichts anderes Lügen.
[ Video: NBC News ]

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