Unendliche Schuld

yad-vashem

Holocaust, Krieg und der ganze Mist. Am Morgen des 5. Mai 2016 hält Israel einen Moment inne. Das gesamte Land gedenkt der Opfer des Holocaust und seiner Überlebenden. Es ist Yom HaShoah, der Holocaust Gedenktag – nicht zu verwechseln mit dem Gedenktag zur Befreiung von Ausschwitz. Der liegt auf einem festen Datum. Der Holocaust Gedenktag wird nach dem jüdischen Kalender am 27. Tag des Monat Nisan begangen. Daher wandert er so durch unseren Kalender. 2016 fällt dieser Tag auf den mexikanischen Cinco del Mayo. 2017 ist Yom HaShoah am 24. April.

Der 8. Mai ist bekannt als Ende vom Zweiten Weltkrieg und außerhalb von Deutschland als Tag des Sieges über Nazi-Deutschland. Als Tag der Befreiung ist er ein Feiertag in einigen Ländern wie zum Beispiel in Frankreich. In Russland feiert man den Sieg über Hitler-Deutschland am 9. Mai, denn zum Zeitpunkt der Kapitulation der Wehrmacht am Abend des 8. Mai 1945 um 23:01 Uhr war in St. Petersburg bereits Mitternacht vorbei. Russland feiert das Kriegsende heute mit Kampfjets und 10.000 Soldaten auf einer großen Militärparade zum 71. Jahrestag des Kriegsendes.

Die martialische Parade in Moskau wirkt wie die ausgelassene Freude in Frankreich ein bisschen gestrig und deplatziert. Denn einmal abgesehen von Nordirlandkonflikt (1969 bis 1998) am Rand von Europa und dem Bürgerkrieg auf dem Balkan nach dem Zerfall von Jugoslawien (1991 bis 1995, 1999 und 2001) waren die Kriege in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit entfernt von Europa. Der Krieg in Irland im Nordwesten von Europa war eigentlich auch nur eine Randerscheinung. Im Großen und Ganzen war es friedlich in Mitteleuropa.

Mit dem ganzen Mist, den Krieg und Holocaust in die Welt brachten, habe ich nichts zu tun. Aber auch gar nichts. Ich bin später geboren. Sogar meine Eltern sind nach dem Krieg geboren. Das nennt sich vielleicht die Gnade der späten Geburt, von der Helmut Kohl so um 1984 sprach. Zum 40. Jahrestag des Kriegsendes bezeichnete Richard von Weizsäcker als Bundespräsident den 8. Mai als Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Ich empfand es damals als Versuch einer Befreiung und auch als Freispruch, denn die Schmach der Niederlage im zweiten Weltkrieg und die Schuld an Leid und Elend und gründlichst automatisierter Tötung in Vernichtungslagern lasten auf der Auseinandersetzung mit dem Holocaust.

40 Jahre nach dem Krieg traut sich das formal-deutsche Staatsoberhaupt zum ersten Mal von einer Befreiung zu sprechen, denn in den alten Männern schlummerte die Schmach, die Demütigung der Niederlage. Weizsäcker und Kohl versuchten die Befreiung von der kollektiven Schuld. Dabei ist Schuld immer individuell:

Von etwa 3000 Mitgliedern der vier SS Einsatzgruppen, die vor allem in Osteuropa, abseits der Vernichtungslager, über eine Million Menschen ermordeten, wurden ganze 24 dieser Mörder angeklagt und verurteilt. Die übrigen führten und führen ein unbehelligtes Leben. Die überlebenden Familienmitglieder der Opfer leiden bis heute in der dritten Generation unter dem Schmerz des Verlustes.
[ #wosinddietäter ]

Wo sind die Täter, steht als Frage am Holocaust Gedenktag im Raum, wenn sich in Israel und an den Orten der Vernichtung die letzten Überlebenden zeigen. Etwa 12 Millionen Menschen wurden getötet – einige schnell erschossen oder vergiftet und vergast, andere jahrelang gequält. Hitlers Kampf gegen fast die ganze Welt kostete bis zu 50 Millionen Menschen das Leben, darunter auch 5,3 Millionen deutsche Soldaten und 1,7 Millionen deutsche Zivilisten. Dies schrieb die Welt vor einem Jahr. Andere Berechnungen sprechen von bis zu 70 Millionen Toten. Keiner soll vergessen sein, aber auch keiner gegen den anderen aufgerechnet. Die größte Gruppe der Opfer im Holocaust stellen sechs Millionen Juden. Die meisten von ihnen aus polnischen und sowjetischen Gemeinden. Sowjetische Kriegsgefangene, Sinti und Roma, Behinderte und Homosexuelle sowie politisch Oppositionelle summieren sich ebenfalls auf sechs Millionen.

Angesichts von so viel Tod, beantwortet sich die Frage nach den Tätern. Sie sind unter uns. Sie sind in den Familien, sogar wenn man selbst nach 1945 oder nach 1985 geboren wurde. Sie sind in den Familien, in denen Großvater schwieg, wenn man etwas vom Krieg wissen wollte, und Großmutter bot Limonade an. Die Täter sind unter uns.
Es sind auch die Firmen, die während des Krieges von Rüstungsaufträgen und/oder Zwangsarbeitern profitiert haben und die nach dem Krieg die Keimzellen bildeten für das Wirtschaftswunder in Deutschland.
Es sind die Unternehmer, die sich freuten, ihren jüdischen Konkurrenten los gewesen zu sein.
Es ist der Vater vom Mann der Schwester der eigenen Mutter. In den letzten Kriegstagen geflohen aus Böhmen und dem Sudetenland, um nicht in russische Gefangenschaft zu geraten, weil man wusste, was man selbst dem Russen angetan hatte.
Es ist der Kollege vom Mann der Großmutter, der die jüdischen Nachbarn und Freunde der Familie abholte, als dieser an der Ostfront war. Nach dem Krieg schob man wieder gemeinsam Dienst auf der Polizei-Wache in der Kleinstadt.
Es sind die Täter, die nach dem Krieg wieder zurückgekehrt sind in ihre bürgerlichen Existenzen. Und sie haben geschwiegen. Sich nicht gestellt, sondern einfach nur geschwiegen, wenn man sie nach dem Krieg gefragt hat.
Ihr gemeinsames Schweigen verwandelt ihre Schuld nicht in eine kollektive Schuld, die die Deutschen auf sich geladen haben sondern in eine unendliche Schuld.

Daran sollte jeder denken, der einen Schlussstrich ziehen möchte. Man kann ihn ziehen. Die Schuld bleibt.

[ Bild: m.p.3 on flickr ]

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