Unser Katalonien

George Orwell: Mein Katalonien. Bericht aus dem Bürgerkrieg

Unabhängigkeit. Letzte Woche konnte man in Barcelona den Eindruck gewinnen, in Katalonien herrscht wieder Bürgerkrieg. Spanische Polizisten und Spezialeinheiten verletzten rund 900 Menschen, die in einem Referendum über die Unabhängigkeit von Katalonien in Spanien abstimmen wollten.

Die Fronten sind hart.
Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy, konservativ, und sein König Felipe VI. beharren auf die Einheit von Staat und Verfassung.
Der Ministerpräsident der Region Katalonien Carles Puigdemont i Casamajó fordert die Unabhängigkeit von Spanien. Dazu lies er am 1. Oktober ein Referendum durchführen. Diesen Ausführung wurde jedoch von massiven und militärisch auftretenden Polizeieinheiten gestört. Die Mehrheit der abgegebenen Stimmen sprechen sich für eine Unabhängigkeit aus. Allerdings gaben nicht einmal 40 Prozent der zur Abstimmung aufgerufenen die Stimmen ab. Zudem gab es Unregelmäßigkeiten durch beschlagnahmte Urnen. Eine Legitimation scheint zweifelhaft, wenn die Gegner nicht hingehen und die Befürworter an der Abstimmung gehindert werden.

Zuletzt gab es große Demonstrationen für das Referendum (30.9), gegen Polizeigewalt (2.10) und für die Einheit von Spanien (8.10). Das Meinungsbild ist nicht geklärt und beide Seiten benötigen Vermittlung – auch dies eine Forderung von Demonstranten. Aber die Fronten sind hart.

Die EU-Kommission will in dieser Krise nicht vermitteln. Jedenfalls jetzt noch nicht. Im Gegenteil: Jean-Claude Juncker bezieht Position für die Zentralregierung in Madrid.
Das halte ich nicht für klug, denn Uneinigkeiten in Europa sind zunehmend ein europäisches Problem:

  • Griechenland und Staatsverschuldung
  • Ungarn und Vertriebene (Flüchtlinge)
  • Polen und Rechtsstaatlichkeit
  • England und der Brexit
  • Spanien und die Katalanen

Zudem kann die EU nicht einerseits die Spaltung auf dem Balkan befördern, indem selektiv Aufnahme versprochen wird, und sich zum Beispiel mit Schotten, die sich (inzwischen nicht mehr so dringlich) von Großbritannien und Nordirland als Vereinigtes Königreich lossagen wollen, treffen und gleichzeitig auf die Einheit von Irland und Nordirland bestehen.

Gründe für eine Selbstbestimmung gibt es viele. Dazu gehören auch die Bundesländer in Deutschland. Separatisten machen es nicht einfacher, aber die Katalanen, Basken, Korsen sowie Kurden, Schotten und zur Not auch Bayern sind doch vor allem Europäer. Na. Die Kurden sind nur dann Europäer, wenn die Türkei in die EU möchte.

Die Medien spielen – wie bereits in der Griechenland-Krise – die wirtschaftlicher Verunsicherung vor. Banken würden bald umziehen, als ob die Menschen dann keine Konten und kein Geld mehr hätten. Die Schulden in Euro bleiben doch stehen. Und die Automobilindustrie würde selbstredend den spanischen Nord-Osten verlassen. Katalonien wäre automatisch aus der EU ausgeschlossen, aber Schottland könnte nach einem Brexit in der EU bleiben und den Euro als Währung einführen.

80 Jahre nach der Bombadierung von Guernica im spanischen Baskenland (26.4.1937) und nun bald 60 Jahren nach den Römischen Verträgen (1.1.1958) hätte ich gedacht, dass die europäische Einheit bereits weiter wäre … Augenscheinlich sind die Politiker immer noch in ihren engen Nationalstaaten gefangen.
Dabei sollte Europa als Republik ohne Nationen die politische Heimat sein.

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Die Bruttoinlandsprodukte – grobe Orientierung, nicht auf die Nachkommastelle genau – werfen die Frage auf, warum Luxemburg in Brüssel bei der EU direkt vertreten ist, aber Bayern und Katalonien nicht:

  • Katalonien: 300 Milliarden Euro
  • Luxemburg: 60 Milliarden Euro
  • Hamburg: 100 Milliarden Euro
  • Bayern: 560 Milliarden Euro
  • Österreich: 400 Milliarden Euro

Ein unabhängiges Katalonien würde keine Kleinstaaterei befördern. Sie ist längst da und immer seltener vermittelbar.

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3 Responses to “Unser Katalonien”

  1. mp310/10/2017 at 8:26 am #

    Barcelonas Bürgermeisterin spricht sich gegen Unabhängigkeit aus
    http://j.m/2gqnWM8

  2. mp310/10/2017 at 3:18 pm #

    Es gibt keinen dritten Weg für Spaniens Problem? Ein Denkfehler. Ein unabhängiges Katalonien könnte in einer EU bleiben, die zu einer Föderation der Regionen wird.
    http://j.mp/2g9uAtk

  3. mp317/10/2017 at 2:58 pm #

    Mit der Anordnung von Untersuchungshaft gegen zwei Anführer der Unabhängigkeitsbewegung spitzt Madrid den Katalonien-Konflikt weiter zu. Eine friedliche Lösung wird immer unwahrscheinlicher.
    Aufruhr und Erhebung gegen die Autorität begründen die Inhaftierung von Jordi Sànchez, den Präsidenten des Katalanischen Nationalkongresses, und den Chef der Kulturorganisation Òmnium Cultural, Jordi Cuixart.
    http://j.mp/2yoH872

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