Wetten dass hat überzogen

wetten-dass-hat-uberzogen

Samstag, 13. Dezember 20.15 Uhr: Wetten, dass..? – live aus Nürnberg im ZDF präsentiert von Markus Lanz.

Nach fast 34 Jahren geht “Wetten, dass..?” in den Ruhestand. Viele prominente Wegbegleiter geben sich in Nürnberg nochmal die Ehre. In der 215. und letzten Ausgabe begrüßt Markus Lanz Til Schweiger, Wotan Wilke Möhring, Jan Josef Liefers und Hollywoodstar Ben Stiller. Bereits zehnmal war Otto Waalkes in der Unterhaltungsshow, auch Michael “Bully” Herbig ist die “Wetten, dass..?”-Bühne nicht unbekannt. Außerdem dabei sind die Sportgrößen Wladimir Klitschko, Hermann Maier, Katarina Witt und Moderator Elton. Für musikalische Höhepunkte sorgen Helene Fischer, Die Fantastischen Vier, Unheilig und die texanische A-cappella-Gruppe Pentatonix. [ Aussendung vom ZDF zur Ankündigung der Sendung ]

Wetten, dass ..? hat überzogen. Als am Valentinstag 1981 die erste Sendung von Wetten, dass… ( 14.2 ) ausgestrahlt wurde, da war die Welt noch eine andere. Es gab drei Sender. Das Erste. ZDF und die Dritten. Wer im Grenzgebiet wohnte, konnte Sender der europäischen Nachbarn empfangen – oder DDR 1. Mit ein bisschen Aufwand auch DDR 2. Letzteres auch mit einem Secam-Gerät nur in schwarz-weiß.
Dort lief die Olsenbande, eine Serie aus Dänemark. Drei tollpatschige Ganoven planten spektakuläre Einbrüche und Überfälle. Die meisten gelangen – trotz oder gerade wegen der bizarren Utensilien wie Sprengstoff, Gummischlauch und einem Stück Draht. Doch bei der Flucht oder bei der Verteilung der Beute oder beim Feiern des Erfolges ging etwas schief. Der Anführer Egon wird verhaftet und fährt ein ins Gefängnis. Der nächste Film begann dann damit, dass die Kumpanen ihren Egon wieder abholen – vor dem Knast. Von Zeit-zu-Zeit läuft die Olsenbande im mdr, dessen Kernland der Empfangsbereich von DDR 2 gewesen ist.

Im Februar 1981 jedenfalls begann etwas Neues: Wetten, dass…. Moderiert von einem grau-melierten Anzugsträger namens Frank Elstner. Im Fernsehen trugen die Männer damals Anzug. Schwarz. Im Sommer auch mal blau. Dunkelblau und dunkelgrau waren akzeptiert, führten aber zu Diskussionen. Hellblau oder khaki? Nein. Die Rolle der Frau vor der Kamera war ebenfalls klar definiert. Sie ist die Assistenz. Adrett gekleidet. Knielanger Rock. Bluse. Kostüm. Ein bisschen Absatz. Nichts enges. Mit einem Lächeln, dem Lächeln, mit dem sie übergriffige Ansprachen – Sie sehen aber heute wieder apart aus. Haben Sie nach der Sendung schon was vor – weglächelte. Sie hilft den Kandidaten, sich in der Kulisse zurecht zu finden. Denn man ist ja nicht täglich im Fernsehen. Oder trug dem vorführenden Mann die Moderationskarten hinterher und durfte in Spielshows wie Einer wird gewinnen mit Hans-Joachim Kulenkampff den Punktestand an der Anzeigetafel ändern. Analog. Von Hand. So wie heute noch bei einigen Regionalligisten in der ersten Runde vom DFB-Pokal.
Regional kam dieser Frank Elstner irgendwie aus Luxemburg und hatte Wetten, dass..? erfunden. Elstner trug braunes Karo und eine graue Hose. Locker. Ein bisschen Talk – wie man heute sagen würde – ein bisschen Show durch Musikeinlagen und ein bisschen Spannung – nämlich die, ob die Wette gelingen möge oder nicht. So konnte man vor dem Fernsehschirm gespannt mitfiebern und Partei ergreifen für den Wettenden oder seinen zumeist prominenten Wettpaten. Das war toll.
Gleich die erste Sendung vermochte aus dem Stand heraus zu überzeugen. Da war einer, der hat eine Wärmflasche aufgeblasen und zum Platzen gebracht. Habt ihr das gesehen? Eine Wärmflasche. So eine rote aus Gummi, wie sie auch in der Olsenbande als kriminelles Utensil hätte dienen können. Aber weiß man nicht, weil das war ja nicht in Farbe.

Wetten dass.. hingegen war bunt und wurde immer bunter. Gleich die erste Sendung überzog um 43 Minuten. Und dieser Moderator entschuldigte sich dafür. Ständig. Das sei nicht geplant. Das täte ihm leid, dass die nachfolgenden Sendungen sich entsprechend verschieben würden. Dieser Frank Elstner, der war so nett. Aufrichtig nett. Smart würde man heute sagen. Damals war das deutsche Fernsehen pünktlich wie ein D-Zug. Diesel-elektrisch, denn den ICE gab es auch noch nicht. Nach der 20-Uhr-Tagesschau wurde die Küchenuhr kalibriert.
1981: Da warteten die Männer auf das ZDF-Sportstudio um 10 Uhr abends. Denn dann wusste man, wie die anderen Mannschaften gespielt hatten und konnte auf die Bundesliga-Tabelle sehen. Das ist heute unvorstellbar, denn heute wird jedes Tor von der App auf das iPhone gepusht, dass es nur so vibriert und rappelt im Karton.
1981: Damals gab es noch so etwas wie Sendepause. Zur Sendepause zeigte das Fernsehen ein Testbild, unterlegt mit einem fiesen Dauerton, der den letzten von der Couch ins Bett treiben sollte. Das Fernsehen hatte nämlich irgendwann einfach Feierabend. Wenn jetzt aber so eine Sendung wie Wetten dass.. überzieht, dann hat das Folgen. Im schlimmsten Fall schlafen die Menschen sonntags in der Kirche während der Messe ein.
Er wolle nicht, dass die Menschen morgens in der Kirche einschliefen, das sagte Thomas Gottschalk mehr als einmal. Er war der zweite Moderator bei Wetten dass.. und konnte seine forsch-freche Ader immer wieder damit einfangen, dass er als Messdiener sehr wohl wichtige Dinge für’s Leben gelernt habe. Gottschalk überzog notorisch und einmal sogar um mehr als eine Stunde: 73 Minuten. Weltrekord, aufgestellt am 8.12.1996! Da hatte das Fernsehen schon keine Sendepause mehr. Es war eigentlich egal.

Überzogen hat Wetten dass.. auch inhaltlich. Irgendwann war klar, welche Saalwette per Akklamation das Rennen machen würde. Irgendwann war klar, dass all die aberwitzigen Gedächtnis-Leistungen von jungen Menschen funktionieren. Biergläser tragen Lastwagen. Bagger zünden Feuerzeuge an. Und natürlich war klar, dass die Briefmarke im Abschleppseil nicht reissen wird – egal was man zieht. Egal welche abstrusen Utensilien benötigt werden: es klappt. Wie bei der Olsenbande.
Buntstifte am Geschmack erkennen: wetten, dass? Nicht unwahrscheinlich, aber ein Betrug, der vor allem zeigte, dass damals bereits der Vorrat an guten Wetten erschöpft war. Das war am 3. September 1988.
Und dazwischen gab es den bekannten Mix aus Talk, Show und Wette. Nur dass die Wetten nicht mehr spannend waren. Der Talk war wie bestellt und die Show gestellt. Denn es ging nur noch um Produkte. Gummibärchen von Haribo auf dem Couchtisch und auf der Couch saßen abwechselnd und reihum: ein neues Buch, der neue Kino-Kracher, ich mache demnächst wieder eine Tournee, es gibt eine neue CD mit dem Besten von mir und ich finde Deutschland unerträglich und muss deswegen früher los, aber dafür habt ihr ja Verständnis, denn ihr seid mein treustes Publikum.

Als aber am 15. Januar 1994 ein gewisser Thomas Gottschalk seine zweite Amtszeit bei Wetten dass.. antrat, da war klar, das Fernsehen kann sich nicht aus sich selbst heraus erneuern. Erst der tragische Unfall von Samuel Koch in der Sendung vom 4. Dez. 2010 stoppte Gottschalk. Samuel Koch ist seitdem querschnittsgelähmt und ein Betreuungsfall. Sein Bruder und ein Pfleger müssen sich um ihn kümmern. Seine Wette: Ich springe mit so Sprungfedern an den Füßen über ein fahrendes Audi-Schleichwerbungs-Auto und schlage dabei einen Salto. Stattdessen schlug er unglücklich auf. Co-Moderatorin Michelle Hunziker reagierte gut und lies die Sendung abbrechen.

Dieses Ereignis hätte die Sendung stoppen müssen können sollen müssen, denn dann bliebe uns Markus Lanz und die rassistische Augsburger Außenwette vom 14.12.2013 erspart: 25 Augsburger Pärchen sollen als Jim Knopf (mit schwarzer Farbe im Gesicht) und Lukas der Lokomotivführer (mit Blaumann und Prinz-Heinrich-Mütze) verkleidet in die Messehalle kommen.
Blackfacing ist rassistisch auf mehreren Ebenen und einfach verkehrt. Das will keiner sehen und mit einem wie Lanz schon gar nicht. Die meist gesehene Ausgabe aller Zeiten lief übrigens bereits am 9. Februar 1985 und hatte 23,42 Millionen Zuschauer. Die letzten Sendungen erreichten weniger als 5,5 Millionen Menschen. Das sind Werte von guten YouTube-Videos. Wetten dass.. hat einfach überzogen bis zum Sendeschluss.

Tags: , , ,